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Schamanismus
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Schamanismus

Schamane |
Eine allgemein anerkannte Definition von Schamanismus existiert nicht. Man
versteht darunter üblicherweise ein weltweit verbreitetes religiös-magisches Phänomen. Ausgehend von der Annahme, dass es sich um eine archaische Form
der Religion handele, hat man Hinweise auf Frühformen des Schamanismus auch schon in prähistorischen Funden, insbesondere in steinzeitlichen
Höhlenmalereien erkennen zu können geglaubt.
Zentrale Figur des Schamanismus ist der Schamane, der eine Mittlerrolle zwischen diesseiitger und jenseitiger Welt einnimmt und besondere
Fähigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft einsetzt. Als wesentliche Elemente der schamanischen Praxis gelten die Interaktion mit Geistwesen, Trance und
Ekstase, d.h. veränderte Bewusstseinzustände, und das Motiv der Seelenreise.
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Merkmale des Schamanismus
Besonderes Merkmal ist der Einsatz verschiedenster Mittel (u.a. rhythmisches
Trommeln, Tanz, Trancetanz, psychedelische Drogen oder Fasten) zum Erreichen
von Trancezuständen. Diese werden im Allgemeinen interpretiert als Übergang
in einen anderen Seinszustand, eine Anderswelt und Kommunikation mit
Geistern. Dem Schamanen wird zugesprochen, er erlange dadurch besondere
Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste spezifische
magische Kräfte. So ausgestattet versieht der Schamane kulturspezifisch eine
teils große Zahl von Rollen – vom Heiler und Exorzisten bis zum Begleiter
der Seelen ins Totenreich und zum Zeremonienmeister.
Das schamanistische Weltbild ist in Schichten gegliedert; neben dem
besonders häufig nachgewiesenen dreischichtigen Modell (Himmel, Erde und
Unterwelt) kommen sieben- oder gar neunschichtige Modelle vor.
Psychoanalytischer Schamanismus
In der ersten Hälfte des 20. Jh wurde bereits versucht die schamanischen
Praktiken mit Hilfe psychoanalytischer Sichtweisen zu erklären. Die Forscher
stützen ihre Aussagen dabei vor allem auf den Ansatz von Carl Gustav Jung.
So sahen die Wissenschaftler den Schamanismus in Anlehnung an die
Psychoanalyse als eine soziale Institution, die den Menschen eine
Möglichkeit gibt, Ängste symbolisch auszudrücken bzw. zu verarbeiten.
Levi-Strauss, französischer Ethnologe, sah in schamanistischen
Séancen eine psychologische Manipulation, welche auf einen heilenden Effekt
hinausliefen und die durch die Anwendung von mythologischen Metaphern zu
einer Erleichterung des Patienten führen sollten. Er sah nur einen
grundlegenden Unterschied zwischen Psychoanalytiker und Schamanen, nämlich
dass Erstere eher zuhörten, während Letztere zu ihren Patienten sprachen.
Schamanismus und der Staat
Verfolgung der Schamanen
In Zentralasien wurden Schamanen sowohl in die Staatsmacht integriert (z.B.
bei den Mongolen im 13. und den Mandschu im 18. Jahrhundert) wie auch
marginalisiert. Ab dem 16. Jahrhundert wurden die Schamanen in Sibirien und
der Mongolei einerseits durch die Orthodoxe Kirche in den Russisch
dominierten Gebieten und andererseits durch den Buddhismus verfolgt.
Gleichzeitig fand auf beiden Seiten auch eine Synkretisierung von religiösen
Ideen und Praktiken statt.
Eine neue Verfolgungswelle begann im 20. Jahrhundert durch die antireligiöse
sozialistische Politik. Trotz der Verfolgung hatten Ethnologen Kontakt zu
praktizierenden Schamanen. Die ethnologische Darstellung des Schamanismus
nahm sogar eine wichtige Rolle für den sozialistischen Staat ein. Indem
Ethnologen in ihren Berichten die Schamanen als zurückgebliebene Ethnie
darstellten, ließ sich der sozialistische Staat als modern konstituieren.
Dass die Verfolgung der Schamanen nicht bloß in sozialistischen Staaten
existierte und es sich somit vielmehr um ein Modernisierungsphänomen
handele, vertritt Laurel Kendall mit ihren Studien zu Korea.
Nach 1990 kamen in Sibirien, Korea und der Mongolei schamanische Praktiken
wieder vermehrt auf. Neu werden schamanische Performances für ein breites
Publikum und Touristen abgehalten und Schamanen als Vertreter einer
nationalen Tradition gefeiert.
Die Vorstellung vom prähistorischen Schamanismus]
Der Archäologe Horst Kirchner liefert ein eindrucksvolles Zeugnis für
die These, dass schon im Aurignacien (um 13.000 v. Chr.) schamanisiert
wurde, nämlich die bekannte Zeichnung aus der Höhle von Lascaux
(dokumentiert in Broderick: Lascaux, A Commentary, London 1949, Fig. 45, p.
141). Sie zeigt einen Vogelkopf auf einer Stange, einen Bison und einen Mann
mit offensichtlichem Ithyphallus in Schräglage. Kirchner zufolge handelt es
sich um eine schamanische Séance: "Die Bildkomposition von Lascaux als
Darstellung einer schamanistischen Geisterbeschwörung mit Hilfsgeist
(Stangenvogel), Schamane (Mann) und Opfertier (Bisonstier)".
Moderner Schamanismus in Sibirien und Innerasien
Die ethnologische Erforschung des Schamanismus begann erst, als bereits das
Christentum und andere Religionen wie der Buddhismus mehr oder weniger
starken Einfluss auf die untersuchten Kulturen genommen hatte. In der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahm man allgemein an, dass der
Schamanismus ein „aussterbendes Phänomen“ sei. Besonders in Sibirien und
Innerasien schienen durch die atheistische sozialistische Politik die
Schamanen Verfolgungen ausgesetzt.
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion kann jedoch das Wiedererstarken
schamanischer Traditionen in verschiedenen ex-sowjetischen Republiken
(besonders in Südsibirien) sowie in der Mongolei beobachtet werden. Heutige
Schamanen leben oft in Städten, sie haben eine weltliche Ausbildung, sie
weisen Zertifikate aus, bieten ihre Dienste in Schamanenzentren an, knüpfen
Kontakte zu Touristen und werden als Symbole einer postsozialistischen
nationalen Identität benutzt. Auch in anderen Teilen der Welt erleben
schamanische Praktiken gegenwärtig einen Wiederaufschwung.
Moderner westlicher Schamanismus (Neoschamanismus)
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Die Entwicklung des Neoschamanismus setzte in den 1960er Jahren ein
und ist verbunden mit einem wachsenden Interesse für nicht-westliche
Spiritualität, dem Aufkommen des Umweltschutz-Gedankens, der Abwendung von
der Kirche und der Suche nach existenziellen Alternativen. „Traditionelle“
schamanische Praktiken wurden in der Folge in einem westlichen, urbanen
Kontext neu interpretiert. Beeinflusst wurde diese Entwicklung durch
Eliades romantisch gefärbte Interpretation des Schamanismus als
„globales“ Phänomen und seine Annahme, dass die Menschheit durch den Kontakt
mit ursprünglichen Mythen zurück zur Harmonie mit dem Heiligen finde, was
unter den „spirituellen Suchern“ der New Age-Bewegung auf grosses Interesse
stieß. |
Zentral für die Entwicklung des Neoschamanismus waren die Publikationen des
Anthropologen Carlos Castaneda über seinen berühmt gewordenen
schamanischen Lehrer Don Juan Matus, in denen er sich mit „außereuropäischen
Deutungen der Wirklichkeit und der Suche nach vertieftem Wissen von den
Zusammenhängen des Kosmos“ beschäftigte. Castanedas Werk zog tausende von
Menschen auf der Suche nach Spiritualität an und löste dadurch eine neue
religiöse Bewegung aus. In der akademischen Diskussion wurde jedoch die
Authentizität von Castaneda’s Berichten und die Existenz von Don Juan
angezweifelt.
Zweites wichtiges Werk für den Neoschamanismus war Michael Harners
“The Way of the Shaman: A Guide of Power and Healing“ (1980). Der
Anthropologe wurde bei verschiedenen Indianergruppen in die schamanische
Welt eingeführt und konnte im Gegensatz zu Castaneda beweisen, dass er
tatsächlich „dort“ war. Harner machte es sich in der Folgezeit zur Aufgabe,
seine schamanischen Kenntnisse einem westlichen Publikum weiterzugeben.
Basierend auf eigenen Erfahrungen sowie vergleichenden Studien versuchte er,
den „gemeinsamen Nenner“ der verschiedenen schamanischen Traditionen zu
finden welchen er als „Core Shamanism“ bezeichnet. Institutionalisiert wurde
die „Harner-Methode“ durch die Gründung der Foundation for Shamanic Studies
(FSS) 1979, welche zum wichtigsten Zentrum des Neo-Schamanismus wurde.
Zwar wurde die Unabhängigkeit von kulturellen Hintergründen in der Folgezeit
zu einem Grundgedanken des Neoschamanismus, doch wurde unter anderem von der
schwedischen Anthropologin Galina Lindquist nachgewiesen, dass dieser
nicht nur für ein westliches Publikum geschaffen wurde, sondern auch tief in
der „westlichen Tradition“ verwurzelt ist.
„Demokratische Natur“ des Schamanismus: Jeder Mensch hat grundsätzlich die
Fähigkeit zur schamanischen Reise. Diese kann jedoch aufgrund von
kulturellen Mustern verborgen sein und muss somit wiederentdeckt werden.
Passend zum knappen Zeitbudget des westlich sozialisierten Menschen kann man
sich neo-schamanistische Praktiken relativ rasch und unproblematisch
aneignen. Bei „traditionellen Schamanen“ kann die Ausbildung dagegen mit
einer langen und möglicherweise gefahrvollen Lehrzeit verbunden sein und das
Schamanisieren soll in der Regel dem Wohl der ganzen Gesellschaft dienen,
wogegen die neoschamanistischen Techniken hauptsächlich zur individuellen
Selbstverwirklichung und Selbsthilfe eingesetzt werden.
Hauptkonzepte des Neoschamanismus
• „Nichtalltägliche Realität”, Geist-Helfer und Krafttiere: Ziel ist
eine authentische Erfahrung des Kontakts mit dem Selbst. Es gilt, eine
spirituelle Welt zu entdecken, die der physischen Welt parallel ist und
(entgegen dem Konzept des Unbewussten) eine eigene Existenz hat. Diese Welt
ist mit persönlichen, energiegeladenen Geistern gefüllt, die sich z.B. in
Form von Krafttieren zeigen und um Hilfe gebeten werden können. Krafttiere
sind Tiere, die mit besonderen Qualitäten verbunden werden und so
„natürliche“ Symbole der eigenen Kultur darstellen. Im Gegensatz zu
Beschreibungen in vielen traditionellen Kulturen, in denen Geister der
ganzen Gemeinschaft bekannt sind, bestehen sie im Neoschamanismus aus
persönlichen Bildern, die zum Individuum gehören.
•Imagination und schamanistische Reise: In westlichen Diskursen wird
der Begriff der Imagination zwar oft benutzt, um außergewöhnliche Dinge, die
geschehen, zu negieren. Gerade die Einbildungskraft wird jedoch benötigt, um
die spirituelle Welt sichtbar zu machen. Im Neoschamanismus wird die
Imagination, die nicht nur das Sehen, sondern alle Sinne miteinbezieht, als
Informationsquelle genutzt, um die nichtalltägliche Realität zu einem Teil
des Lebens zu machen. Die schamanische Reise beginnt - begleitet von
Trommeln und Rasseln - durch die Visualisierung von Orten, die dadurch zu
einem konkreten Reich werden, in das der Neoschamane eintreten kann. In
vielen Kursen werden diese Imaginationen später in einer Erzählung
wiedergegeben, durch welche sie zu tatsächlich Erlebtem werden, in den
persönlichen Erfahrungsschatz eingehen und transformative Kraft erhalten.
• Heilen: Aufgabe des Schamanen ist nicht nur die Erfahrung des
Selbst, sondern vor allem das Heilen von Kranken. Voraussetzung dafür ist,
verloren gegangene Krafttiere wiederzufinden und zurückzubringen, um das
Energiegleichgewicht wiederherzustellen. Dieses Heilen wird unter anderem
durch den „Placebo-Effekt“ erklärt, der darauf gründet, dass Gedanken den
Körper beeinflussen und der Patient durch die Veränderung seines Denkens
geheilt werden kann (Intellektueller Ansatz). Der symbolische Ansatz von
Lévi-Strauss (1958) betont dagegen, dass der Schamane dem Patienten eine
neue Sprache zur Verfügung stellt, die es ihm ermöglicht, die der Krankheit
zugrunde liegenden Konflikte zu verstehen, auszudrücken und zu
transformieren. Dieser Ansatz wird in der psychoanalytischen
Betrachtungsweise des Schamanismus verdeutlicht.
Quelle: wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Schamanismus, 30.1.09
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